Versuch der 3d Rekonstruktion BCi der Erstausstattung der Spessartbahn

Die Spessartbahn (900mm) war die einzige Schmalspurbahn der Gelnhäuser Kreisbahnen. Sie führte vom Spurwechselbahnhof Gelnhausen zunächst im Kinzigtal bis Wirtheim (Biebergemünd). Von dort ging es durch den Biebergrund bis Bieber (Betriebsmittelpunkt) weiter durch das Schwarzbachtal über Lochmühle (Ausflugslokal) bis zur Endstation Lochborn (Erzverladung).

Nach ihrer Umgestaltung von einer reinen Grubenbahn (schweren Feldbahn) mit Holzkastenkippern in eine echte Kleinbahn mit Güter- und Personenbeförderung (ab 1896) wurden ausschließlich neue 2-achsige Wagen der Firma Weyer eingesetzt – Personenwagen, Post/Packwagen und Güterwagen.

Trotz der relativ „breiten“ Schmalspur, wurden Wagen mit schmalem Profil verwendet, welches sonst eher auf den 750 mm Bahnen üblich war. So waren die Personenwagen nur 1900 mm breit und besaßen Längsbänke.

Es soll nun der Versuch gemacht werden diese sehr formschönen Weyer Wagen der kleinsten Wagenfamilie zu rekonstruieren. Ausgangspunkt ist zunächst nur ein erhaltenes Werkfotos des ersten BCi der ersten Lieferserie (3 Stück) von 1895:

Leider sind von diesem Fahrzeug keinerlei Zeichnungen und Maße erhalten geblieben. Daher muss man sich auf das Schätzen und das Suchen nach verwandten, ähnlichen Fahrzeugen beschränken um plausible Maße zu ermitteln. Im Gegensatz zum Beitrag weiter unten gesagten, hatten zumindest diese Weyer Wagen einfache Übergänge, die nur mit Ketten gesichert waren. Auf dem Bild ist jedenfalls das hochgeklappte Übergangsblech auf der Bühne deutlich erkennbar. Das kleine Fenster – links oberhalb vom Mann mit Hut – ist ein Laternenfenster. Dahinter war eine größere Petroleumlampe, die sowohl den Innenraum als auch die Plattform beleuchtete. Über jedem dieser Fenster ein kleiner Lampenkamin. Eine dritte solche Laterne war in der Mitte des Wagens, an der Trennwand zur 2. Klasse – derjenige, der auf dem Werksfoto am besten zu erkennen ist, da er hier vor dem Oberlicht steht. Ein weiteres Detail, ist das X-förmige Plattformgeländer. Neben der Spessartbahn ist es in ähnlicher Form bei den Weyer Wagen der Kr. O. K. vorhanden gewesen. Diese hatten ein breiteres Profil und keine Übergänge. Daher gab es dort 3 von den X Verstrebungen pro Plattform.

Die erfolgte 1:1 Rekonstruktion erfolgte in Zusammenarbeit mit M.C. Weibezahn, die sehr viel Material und Wissen über die Spessartbahn und ihre Fahrzeuge gesammelt hat.

Folgende, teilweise noch existierende Fahrzeuge wurden ermittelt, die ähnliche Konstruktionsmerkmale aufweisen:

Personenwagen 970-812 (4-Achser, CCi), aktuell auf der Rügenschen Bäder Bahn (RBB): Profil des Wagenkastens, Grobform des Daches, einige Details des Innenraums.

Personenwagen der KJI, Nummern 2,3,5: Diese Wagen waren 2-Achser wie der Spessartbahnwagen. Die Hauptabmessungen dieser Wagen (Rahmen, Kasten) wurden im Wesentlichen übernommen. Längenmaße, Fenstermaße, Breite des Kastens sollten übereinstimmen. Nur die Form des Daches ist hier anders (Tonnendach). Glücklicherweise existieren sogar noch Zeichnungen die für Wagenkasten und Rahmenrekonstruktion und sogar für die Bänke in 2. und 3. Klasse sehr hilfreich waren! Abbildungen dieser Wagen finden sich auf der Webseite des Traditionsverein Kleinbahn des Kreises Jerichow I e.V.:
Wagen KJI Nr 5 – historische Aufnahme:
https://www.kj-1.de/wp-content/uploads/2013/04/971-305.jpg
Wagen KJI Nr 3 – Im Museum Gramzow erhaltener Wagenkasten:
https://www.kj-1.de/wp-content/uploads/2013/04/971-302.jpg
Wagen KJI N3 2 – erhaltener Rahmen, Kasten abgebrochen:
https://www.kj-1.de/wp-content/uploads/2013/04/971-304-1.jpg

Insbesondere die historische Aufnahme von Nr 5 zeigt die enge Verwandschaft zum Spessartbahnwagen. Augenfällige Unterschiede sind wie schon erwähnt, die Dachform sowie die Bühnengeländer. Im nicht sichtbaren Bereich ist es die Radaufhängung die völlig unterschiedlich gelöst ist. Bei den KJI Wagen befindet sich im Rahmen eine Hilfskonstruktion. Beim Spessartbahn Wagen ist die Radaufhängung auf die gängige Weise am Hauptrahmen befestigt. Grund hierfür mag die breitere Spur gewesen sein.

Mit allen nun ermittelten Details und mithilfe möglichst vieler aussagekräftiger Original Fotos wurde der Wagen nun Detail für Detail versucht 1:1 zu rekonstruieren. Die 3d Modell Konstruktion mit an den Maßstab 1:87 angepassten Maßen und Kompromissen erfolgte erst in einem sehr viel späteren Schritt!

Details der Rekonstruktion

Die typische Balancier Kupplung mit Evolutfeder – wobei: Auch hier gab es Unterschiede in der Ausfühung! Bei anderen Bahnen ist sie oft um 180° gedreht (unten und oben vertauscht). Die Lage der Feder ist auch bei manchen Ausführungen um 180° in Längsrichtung gedreht und die Länge der Kupplung variiert ebenfalls.
Rekonstruktion des Rahmens – auf das Fachwerk im Innern wurde zunächst verzichtet, weil es nicht sichtbar ist (bei der späteren H0e Modell Version ist es vorhanden).
Detail – die Befestigung des Trittbretts
Die Bühne – hier die Seite mit Bremse
Sitzbank 3. Klasse – von KJI abgeleitet
2. Klasse Abteil
3. Klasse Abteil
Vergleiche mit dem Werksfoto (oben)!
Der fertige Wagen. Die Oberlicht Öffnungen wurden von mir zunächst als gelochte Bretter dargestellt. In Wahrheit ist es ein Gitter aus schmalen Leisten, was auch bei anderen Weyer Wagen zu finden war.

Hier das rekonstruierte Gitter mit einem angenommen 15 mm Raster

Man beachte auch das elegante Detail der abgerundeten Ecken, die beim Ansatz der Dachkonsole in einen quadratischen Querschnitt übergehen. Bei den Weyerwagen der RSE war dieses Detail ähnlich ausgeführt – mit dem Unterschied, dass auch ganz unten wieder der Übergang zu einem quadratischen Querschnitt vorhanden war. Dieses Detail wird sehr häufig übersehen.

Typisch: Große Fensterflächen

Abbildung: Modell eines Weyer Personenwagen der Kleinbahn Steinhelle-Medebach (Meterspur-Aufbau auf 75cm Fahrgestellen) in der Spur 0e

Die Weyer-Wagen verfügten über sehr großzügige Fensterflächen mit einer einzigartigen und sofort erkennbaren Fensteraufteilung. Dabei sind die Fenster der vierachsigen Wagen pro Wagenseite in drei meist identische Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe besteht aus zwei schmalen Fenstern mit einem großen Fenster in der Mitte. Die kleinen Fenster ließen sich öffnen. Zwischen den Fenstergruppen konnte eine Wand zur Abteilabgrenzung eingebaut werden.

Bei manchen Ausführungen wie etwa den Schlawener Wagen (später bei Jerichow I) waren Toiletten eingebaut. Dazu wurde ein Fenster eingespart und ein weiteres blickundurchlässig gemacht. Andere Bahngesellschaften wie Rhein-Sieg verbauten keine Toiletten in ihren Wagen.

Einige Bahngesellschaften wie etwa die Herforder Kreisbahnen ließen das große Mittelfenster teilen mit einem Steg in zwei Fenster, weil sich die Wagen auf den unebenen Schmalspurstrecken gerne verwanden und die großen Fenster dadurch manchmal zu Bruch gingen.

Das Wagendach war fast flach gehalten, die Oberlichter sorgten für Licht und Stehhöhe. Die Holzkonstruktion des Dachs war aufwendig und wurde bei Restaurationen nur selten originalgetreu wieder hergestellt.

Es gab Versionen, deren Dach über der Bühne zu allen drei Seiten nach unten lief. Bei anderen Wagen hatte das Dach durchgehend die gleiche Biegung, auch an den Enden – vor allem bei den Wagen für die kleineren Spuren.

Hoher Fahrkomfort für Passagiere

Um den vorhandenen Raum bestmöglich zu nutzen und den Schwerpunkt der Wagen niedrig zu halten, verfügten die vierachsigen Weyer Wagen über eine besondere Drehgestellkonstruktion. Die Drehgestelle wanderten durch gekröpfte Träger weit in den Rahmen. Unten liegende Blattfedern halfen dabei und ermöglichten eine doppelte Federung – an den Achsen und an der Wiege. Das war in diesen Jahren keine Selbstverständlichkeit. So stießen die Radkränze fast an den Wagenboden. Die vierachsige Bauweise hatte noch den Vorteil, dass die Achslast verteilt wurde und sorgte zusätzlich für Komfort, weil die Unebenheiten weniger direkt übertragen wurden.

Auch die zweiachsigen Personenwagen lagen im Vergleich tief: Bei manchen Linien mussten im Innenraum blecherne Radkästen angebracht werden, weil die Räder in den Fahrgastraum ragten.

Natürlich bestätigt die Ausnahme der Regel: Wenn die Puffer-und Kupplungshöhe anderer Wagen und Lokomotiven höher war bei einigen Bahnlinien, kamen auch Drehgestelle ohne Kröpfung zum Einsatz.

Ein weiterer Vorteil dieser niedrigen Konstruktion: Der Zustieg erfolgte oft gar nicht von einem Bahnsteig, sondern von der Straße oder dem angrenzenden Weg aus. Um die Personenwagen zu steigen, waren daher keine besonderen Höhen zu überwinden.

Kurios: Auch viele vierachsige Güterwagen auf Meterspur wurden von Weyer mit den hochwertigen Drehgestellkonstruktionen geliefert.

Je nach Ausführung und Spur lag der Achsabstand zwischen einem Meter (z.B. 75cm Spur für Schlawen/später JerichowI) und 1,3 Metern.

Besonders: Bühnen und Türen

Durchgänge über die Bühne gab es nicht bei den Weyer-Wagen. Das Personal konnte über überlange Trittbretter von einem Wagen zum Anderen gelangen. Bei den maximal zugelassenen Geschwindigkeiten bis 35 km/h kam dabei auch keine besonders große Gefahr auf.

Abbildung: Weyer-Wagen in 1/18 auf 45mm Gleis. Links mit einfacher Bühne, wie z.B. bei der Rhein-Sieg-Bahn. Rechts mit in die Bühne integrierter Sitzbank. Bühnen entstanden im 3D Druck.

Einige Bahnlinien orderten Wagen mit Bühnen, die eine Sitzfläche aufwiesen. Die Bauweise war auch meist kombiniert mit dekorativen Türen an der Bühne. Bei Wagen mit manueller Bremse war das Sitzbrett an der Bühne verkürzt.

Andere Bahnlinien wie die Rhein-Sieg Bahn verzichteten auf das attraktive Extra.

Später gab es auch prächtige Versionen mit mehrflügeligen und schön lackierten Türen – mutmaßlich aber bei Neubauten/Restaurationen. Ebenso wurden bei Neuaufbauten die Bühnen durch eine Verlängerung des Aufbaus ersetzt.

Auffällig auch die Länge des Dachs: Es ragte über die Bühne hinaus und schützte Passagiere auf den äußeren Sitzbänken vor Regen.